Tatsache ist, dass wir den ständig in uns kreisenden Gedankenfluss nicht einfach abstellen können. Doch das gelobte Land liegt jenseits der Gedanken. Deshalb sind Menschen seit Jahrtausenden bemüht, den Weg in die wunderbare Freiheit jenseits der Gedanken zu finden.
Wenn du deine Gedanken eine Weile beobachtest, wirst du feststellen, dass es immer dieselben Gedanken sind – oder auch Gedankenmuster, denn Gedanken haben die Eigenart, im Verbund aufzutreten. Du denkst: ‚Ich bringe nichts zustande‘, und sofort schließen sich entsprechende Gedanken an: ‚Ich bin ein Versager, mir gelingt sowieso nie etwas, alles ist sinnlos‘. Zusammengehalten werden diese Gedankenmuster durch die entsprechenden Emotionen. In diesem Fall durch Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit, Ohnmacht. Vielleicht hast du mitunter auch ganz andere Gedanken: ‚Das schaffe ich, mir gelingt alles. Ich bin vom Himmel gesegnet!‘ Diese werden von aufbauenden Gefühlen zusammengehalten, von Mut, Freude, Zuversicht.
Gedanken und Emotionen verstärken sich gegenseitig. Wenn du gerade traurig bist, denkst du traurige Gedanken, die deine Emotion der Trauer noch steigern. Bist du gerade verliebt, beseelt, glücklich, hast du entsprechende fröhliche Gedanken, die deine freudige Emotionen verstärken.
Das Zusammenwirken von Gedanken und Emotionen – wobei die Gedanken vom Verstand und die Emotionen vom Körper ausgehen – bildet bei niederziehenden Gedanken und Emotionen einen dunklen Komplex, der immer wieder, bei der kleinsten Herausforderung, aus der Tiefe an die Oberfläche schießt und uns mit den ewig gleichen Gedanken und Emotionen überschwemmt. Dann sehen wir rot – und reagieren immer auf dieselbe Weise. Wir stecken im Alten fest, wir wiederholen unsere Vergangenheit, wir benehmen uns wie einst als Kind.
Eckhart Tolle rät, in solchen Momenten die Gedanken von den Emotionen zu trennen und überhaupt nicht mehr zu denken, sondern nur noch zu spüren, was im Körper geschieht. Die Emotionen werden dann so heftig, dass kein Platz mehr für das Denken in unserem Bewusstsein ist. Sie sind sozusagen das Gefährt, das uns durch die Nebelwand der Gedanken hindurch führt.
Die Emotionen selbst entfalten sich dann im Auge unseres bezeugenden Bewusstseins. Aus einer höheren Ebene sehen wir, wie sie aufblühen und schließlich, am kritischen Punkt, umkippen und dann verebben. Und zurück bleibt das Bewusstsein der höheren Ebene jenseits der Gedanken, das freie Bewusstsein, das immer hinter dem kreisenden Gedankenfluss liegt – und das wahrzunehmen die ersehnte Erlösung ist.
Wir können mithilfe unseres Bewusstseins durch die Nebelwand der Gedanken hindurch gleiten wie das Flugzeug durch die Wolkenwand, um dahinter das freie Licht zu sehen. Das geschieht durch die Konzentration auf eine Emotion oder, wie in der östlichen Meditation immer wieder geübt, auf einen Gedanken, ein Wort, einen Gegenstand, unseren Atem. Immer hilft die bewusste Konzentration auf einen speziellen Punkt, den Gedankenfluss zu transzendieren.
Doch sobald du in der Konzentration nachlässt, sinkst du zurück in die Gedankenebene und – schwupps – bist du in ihr gefangen, und es denkt wieder munter vor sich hin. Doch keine Sorge! Das passiert uns allen. Sobald du dich beim unbewussten Denken ertappst, konzentriere dich wieder auf deine Aufgabe und schon bist du wieder unterwegs in die Weite jenseits des Verstandes. Und jedesmal, wenn dies geschieht, hast du einen Sieg errungen: du hast deinem Alltagsbewusstsein mitgeteilt, dass in dir ein höheres Bewusstsein lebt, das den Ton angibt. Das ist wie ein Sieg der Energie über die Materie.